Hammerklaviersonate: Beethovens "unspielbare" Komposition

Yacine Khorchi
Yacine Khorchi

Gründer und Klavierlehrer

Letzte Aktualisierung: 25.03.2024

Warum heißt die Hammerklaviersonate so?

Die ursprüngliche Fachbezeichnung Pianoforte erscheint vollkommen unbekannt. Stattdessen ersetzte Beethoven diese durch die deutsche Bezeichnung Große Sonate für das Hammerklavier, welche sich in der ganzen Welt nach einem stillen Übereinkommen als sogenannte Hammerklaviersonate durchsetzte. Sie heißt mit vollem Namen Sonate Nr. 29 B-Dur op.106.

Für das Instrument Hammerklavier waren außer der Riesensonate op.106 die Kompositionen mit den Werkzahlen 101,109 und 110 vorgesehen. Sie alle gehören zu den späten Klaviersonaten Beethovens

Warum komponierte Beethoven die Hammerklaviersonate?

Die gewaltigste Klaviersonate Beethovens entstand in den Jahren 1817/1818, in einer Zeit, die durch den Tod seines Bruders und seine beinahe vollständige Taubheit gekennzeichnet ist. Ihre Dramatik kannst du besonders an dem 3. Satz erkennen.

Gewidmet wurde dieses Werk dem Erzherzog Rudolph von Österreich. Beethoven schrieb für ihn bereits eine Komposition zur Huldigung, da er zum Erzbischof von Olmütz ernannt wurde. 

Er beabsichtigte, sein bisher größtes Werk auf die Beine zu stellen, was ihm eindeutig gelang. Die Größe dieses Werkes zeigt sich zum einen in der kompositorischen Dimension und zum anderen in dem enormen spieltechnischen Schwierigkeitsgrad. Die gewaltige Komplexität, die Vielfalt der vollkommen unterschiedlichen Sätze, die aufeinander treffen und ihre strukturelle Ausgestaltung übersteigen die bis dahin üblichen Grenzen des bekannten Komponisten. Sie geben der Sonate einen nicht vergleichbaren Stellenwert in Beethovens Schaffen.

Schwierigkeit der Sonate

Dieses wortwörtliche Kunstwerk ist nicht nur eine der längsten Sonaten der Musikgeschichte, sondern gehört bis heute zu den technisch schwierigsten und für den Interpreten geistig anspruchsvollsten Klavierwerken aller Zeiten. Selten spielte jemand das Stück so, wie es das Original verlangt. Ihre Dauer beträgt in der Fassung von Levit 41:20 min. Somit ist sie auf jeden Fall nicht für Klaviereinsteiger geeignet und erfordert eine Menge Fingerfertigkeit, aber vor allem Geduld und Zeit. Vollkommen unspielbar ist sie nicht, jedoch beinahe.

Gespielt von Sviatoslav Richter in Prag, 1975

Aufbau

Diese Riesensonate in B-Dur folgt ganz dem schematischen Aufbau einer stinknormalen Sonate, die du sonst so kennst. Somit besteht sie aus vier Sätzen, aus einer Exposition, der Durchführung, der Reprise und der Coda, die Beethoven auf atemberaubende Weise variiert und erweitert.

Sie ist die einzige von seinen 32 Sonaten, die Beethoven mit Metronomzahlen versah. Ihre Sätze verfügen über eine noch abwechslungsreichere Ausgestaltung und verlangen dem Spieler hierdurch noch mehr an Können und Durchhaltevermögen ab, als wir es sonst von dem „Wiener Klassiker“ gewöhnt sind.

Kennzeichen aller Sätze sind die Terzen und der harmonische Gegensatz wie z.B. zwischen B-Dur und H-Moll. Sie bewirken einen leicht dissonanten Klang. Zwar findet sich durch die zahlreichen Modulationen in der Sonate jede Tonart, dieses Tonarten-Paar schleicht sich jedoch immer wieder ein, wie beispielsweise in der Reprise, sobald die Fanfaren der Anfangstakte plötzlich in Moll ertönen und dem ganzen Geschehen eine ungeheure Tiefe verleihen.

Folgendes zeichnet die einzelnen Sätze aus:

Satz 1: Allegro

Schnelles Tempo: 106 BPM

  • Exposition: 

  • Einführung mit fanfarenartigem Eingangsmotiv in das Hauptthema 

  • Siebenstimmige ff-Akkorde (= Fortissimo) gefolgt von einer Fermate (= Pause, die nach Belieben gehalten werden kann)

    • Durchführung:

  • Steigerungen fallen immer wieder auseinander; Kein erlösendes Ende erkennbar

  • Fughetta spielerisch

  • Harmonisches Thema mit mehrdeutigen Mittelstimmen

  • Alternierende, rasend schnelle Oktaven vom Bass bis zum Diskant (= rechte Hälfte der Klaviatur)

  • Modulation nach D mit raschen Achteln als Melodie

  • Zweites lyrisches Thema in G-Dur (Terz von B-Dur)

  • Letzte Steigerung mit Fortissimo mündet in Ritardando 

    •    → Überleitung zur Reprise

  • Reprise:

  • Wiederholung der Exposition in Tonika mit anschließender Modulation nach H-Dur („Schreckensfanfare“)

  • Ständiger Wechsel zwischen Dramatik und „Spiel“

  • Coda:

  • Gebrochene Oktaven

  • Satz endet Fortissimo

  • Satz 2: Scherzo

108 BPM

  • „Assai vivace“ (= Sehr lebhaft) in B-Dur und b-Moll im 3/4- Takt

  • Kürzester Satz (ca. 2:30 min lang)

  • Zentrales Intervall: Terz

  • Sehr dramatisch durch leere Oktaven mit flotten Triolen

  • Spannung durch „Semplice“ (= einfach)

  • Piano Achtel weiten sich innerhalb von 3 x 8  2/4-Takten zu Fortissimo-Oktaven aus

  • → stürzen anschließend in den Bass hinein

  • „Prestissimo“ (= äußerst schnell) brettert er einmal quer über´s Klavier

  • Rückkehr zum ursprünglichen Motiv

  • Melodie steigt und fällt ständig

  • „Presto“ (= schnell): Doppeloktaven fallen Fortissimo von H auf B

  • Schluss in Pianissimo

Besonders anspruchsvoll ist hier die Einhaltung des Tempos. Während dieses Satzes variiert er besonders häufig.

Satz 3: Adagio sostenuto

66 BPM

  • Appassionato e con molto sentimento (=Leidenschaftlich und mit viel Gefühl)

  • 15 Minuten voller Verzweiflung; Längster langsamer Satz Beethovens

  • A-Dur-Terz nach fis-Moll überführt

  • Durch Verzierungen und Figurationen bereichert

  • „Melancholisches Meditieren“

  • Teilweise innere Unruhe

  • Ende in Fis-Dur

Satz 4: Largo, Allegro risoluto

Bis zu 144 BPM

  • „Dolce“ (= lieblich) mit F-Oktaven über Des-Dur und b-Moll nach Ges-Dur

  • „Un poco piu vivace“ (= ein wenig lebhafter) mit 32-tel-Läufen

  • Explodierende Synkopen vom Fortissimo ins Pianissimo

  • „Allegro risoluto“ (=feurig) beginnt mit leisen Trillern auf dem F-Akkord → führt zur Fuge „con alcune licenze“ (= Mit einiger Freiheit)

  • Temposteigerung

  • Eines der schwierigsten Sätze der Klavierliteratur; Thema: absteigende Sechzehntelläufe mit Variationen innerhalb 400 Takte

  • Beethoven wendet jegliche Veränderungsprozesse an (Vergrößerung, Rücklauf, Umkehrung, schließlich sogar Original und Umkehrung zugleich und Krebsgang    (= Rückwärts spielen einer Passage)

  • Ende in Fortissimo-Akkorde, so wie der erste Satz

  • Allegro, Prestissimo 4/4- Takt ; Allegro risoluto, 3/4- Takt

Hammerklavier - Was ist das? 

Hammerklavier ist der Oberbegriff für besaitete Tasteninstrumente, deren Saiten durch Hämmer angeschlagen und zum Klingen gebracht werden. Diese Hämmer sind meist mit Filz bedeckt oder Leder bespannt, sodass der Ton weicher klingt. Dies dämpft den Anschlag der Saite, wodurch der Klang dunkler und weniger obertonreich wird.

Spricht man heute vom Klavier bzw. vom Flügel, meint man eigentlich immer das Hammerklavier oder den Hammerflügel. Trotzdem gebraucht heute niemand mehr diesen Namen für unser modernes Instrument. Diese Bezeichnung dient nämlich der Benennung des historischen Instruments aus der Zeit um 1800 und davor. Das Hammerklavier wurde von einem italienischen Cembalobauer namens Bartolomeo Cristofori im Jahr 1709 erfunden. 

Ironischerweise ist ausgerechnet Beethovens Hammerklavier-Sonate aufgrund seines Aufbaus darauf kaum angemessen spielbar. Deren dynamische Anforderungen führten schließlich zur Weiterentwicklung und Vervollkommnung des Instruments, die erst mit dem Erreichen der Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen war. 

Unterschiede Hammerklavier & Klavier

Im Gegensatz zum Klavier hat das Hammerklavier:

  • in der Regel weniger Saiten 

  • vergleichsweise dünne Saiten 

  • weniger Saitenspannung

  • gerade/parallele Ausrichtung der Saiten (statt heute genutzte kreuzsaitige Bespannung)

  • keinen Metallrahmen, sondern Rahmenkonstruktionen aus Holz 

  • einen geringeren Tonumfang (5 Oktaven statt ca. 7 Oktaven)

  • kleinere und leichtere Hammerköpfe

  • Klangeffekte, die über Handzüge, Kniehebel oder Pedale geschaltet werden können; z.B. erzeugte eine Rolle aus Pergament oder Hadernpapier bezogen mit Seide auf den Saiten eine schnarrende Klangfarbe (= „Fagott-Zug“)

Seine Rolle heute

Seit einigen Jahren wird dem Hammerklavier erneut vermehrt Beachtung geschenkt, da es aufgrund seines spezifischen Klangbildes eine authentische Aufführung der für sie geschriebenen Musik ermöglicht. Inzwischen gibt es zahlreiche Solowerke mit originalen oder nachgebauten Hammerklavieren, die die Wiederbelebung eines Klangbilds anstreben, wie es damals möglich war. 

Igor Levits Interpretation

Selbst fortgeschrittene Pianisten wie Levit verneigen sich vor dem Mammutwerk Beethovens: "Sie ist so apokalyptisch wie leidend, so still wie gewaltsam. Anders als alles Vorhergegangene.", beschreibt er. Für ihn stellt die beinahe längste Klaviersonate der Musikgeschichte die perfekte Balance von technischer Strapaze und psychologischen Extremen dar.

Beim Anhören der Sonate wirst du feststellen, dass der erste Satz recht zügig ist. Selbst Igor Levit spielt diesen nicht ganz so rasant. Weshalb eilt Beethoven in dieser Komposition so fürchterlich mit einem solch aberwitzigen Tempo? Die Zügigkeit wirft für Levit anscheinend die selbe Frage auf: "Für mich ist dieser erste Satz pure Hysterie", kritisiert er.

Der zweite Satz ist im Vergleich zu den anderen ausgesprochen kurz und umspielt das zentrale Intervall in der „Hammerklaviersonate", und zwar die Terz. Durch das andauernde Steigen und Fallen der Melodie hat sie in den Augen Levits etwas „Beißendes".

Trotz seiner großen Verehrung schüttelt er den Kopf über den Presto-Übergang zur Reprise, der so schnell geschieht wie ein Lauffeuer. Was Beethoven damit ausdrücken wollte, bleibt für uns ein Rätsel. Igor Levit findet: "Das klingt, wie wenn jemand einen großen Stapel Papier nimmt, zerreißt und wegwirft", wobei genau in diesem Gefühlschaos die Magie dieses Werks liegt.

Obwohl das gesamte Stück „Apassionato“ ist, gilt das ganz besonders für den 3. Satz. Beethoven möchte ihn leidenschaftlich und mit viel Gefühl gespielt wissen. "Alles an diesem Satz ist herzzerreißend", charakterisiert Igor Levit. "Der Affekt ist ein verzweifelter, er ist bohrend." Dieser Satz ist eine 15-minütige, bohrende Komposition, die „einen Menschen in seiner Verzweiflung zugrunde gehen lässt". Eine auf Notenzeilen notierte Apokalypse.

Im vierten Satz begeben wir uns auf eine Reise des Suchens und Findens, scheinbar spontan und nie vollkommen vorhersehbar. Für Levit stellt dies einen "Höhepunkt an innerer Freiheit und musikalischer Immaterialität" dar. 

Die Fuge stellt mit penetranten Trillern und ihrer Unruhe den größtmöglichen Kontrast zum herzzerbrechenden dritten Satz dar. Aufgrund ihrer strengen Regeln ist die Fuge eigentlich eine sehr traditionelle Satzform. Beethoven verstößt in seinen Fugen immer wieder dagegen und erlaubt sich im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern zunächst verbotene Freiheiten. Er wandelt die strenge Form in ein ganz eigenes Ausdrucksmittel um und "poetisiert" sie, wie Levit Beethovens Eigenwilligkeit in Worte fasst. "Was für ein geiler Komponist!" Der vierte Satz gemeinsam mit der Sonate endet "in einem Meer aus Faustschlägen. Hier gerät die Welt aus den Fugen.“

Fazit zur Hammerklaviersonate

Warum gestaltete er seine Sonate ausgerechnet so und nicht anders? Möchte er die Zuhörer irritieren? Oftmals führt er seine Hörer in die Irre und wirft Fragen auf, die er ihnen erst am Ende des Werks beantwortet. Hierbei finden wir keine eindeutige Interpretation, denn die meisten unserer Fragen bleiben offen.

Da er dem Erzherzog das Stück widmete, gehen wir stark davon aus, dass er ihn hiermit ehren wollte. Das fanfarenartige Hauptthema des 1. Satzes von op. 106 verfügt mit dem ca. 140 BPM erreichendem Tempo jedoch über eine zu hohe Schnelligkeit, um Beethovens vermutliche Intention der Lobpreisung klar zu erkennen. Steckt dahinter noch etwas anderes? Könnte seine Intention eine zunächst nicht deutliche Verbeugung vor der Monarchie sein? Genau so gut könnte man einen Aufruf zur Revolution darin erkennen.

Ebenso ist eine gute Frage, weshalb er solch starken Abweichungen in seinen vier Sätzen kenntlich macht. Entspricht die abwechslungsreiche Ausgestaltung etwa seiner wechselhaften Gefühlswelt, die zwischen innerer Unruhe und Zerrissenheit schwankt? 

Wir werden es leider sicherlich nicht mehr von ihm erfahren können, lediglich können wir mutmaßen.

Jedenfalls ist dies eine fantastische und einzige Schöpfung, die einen wahrhaftig dramatischen Höhepunkt in der Klavierliteratur darstellt und selbst die erfahrensten Pianisten zu einer musikalischen Herausforderung verführt.

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