Halbtonschritte in Theorie und Praxis

Was ist ein Halbtonschritt?

In der westlichen Musiktheorie stellt ein Halbtonschritt (HTS) das kleinste Intervall zwischen zwei Tönen dar. Der Abstand hat sich aber im Laufe der Jahrhunderte geändert. Im ersten Abschnitt erklären wir dir den Weg zu unserem heute verbreiteten Halbtonschritt.

Wo kommt der Halbtonschritt her?

Bis ins 17. Jahrhundert gab es zahlreiche unterschiedliche Stimmungen. Darunter versteht man die Berechnung exakter Tonhöhen in Bezug auf ein Tonsystem. Die pythagoreische Stimmung geht auf den griechischen Philosophen und Mathematiker Pythagoras (ca. 570-500 v. Chr.) zurück. Er reihte zwölf reine Quinten übereinander und erreichte nach sieben Oktaven (fast) den Ausgangston. Dabei ergibt sich allerdings eine mathematische Differenz, die bis ins Mittelalter für die damals stark quinten- und oktavlastige Musizierpraxis unbedeutend war. Erst durch die ab der Renaissance aufkommende Tonalität mit Terzen und Mehrstimmigkeit wurde diese Art der Stimmung problematisch und schließlich unbrauchbar.

Daraufhin entstanden zahlreiche weitere Stimmungen, die aber alle keine vollständige Lösung bieten konnten, darunter zum Beispiel die mitteltönige Stimmung. Mit dieser konnte man nur in wenigen Tonarten musizieren, die vorher durch das Stimmen festgelegt worden war. Sobald man sich aus diesen wenigen Tonarten herausbewegen wollte, klangen die Instrumente zu verstimmt.

Durch den Musiker und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister (1645-1708) wurde schließlich die bis heute verwendete temperierte Stimmung eingeführt. Diese, auch gleichschwebende Temperatur genannt, teilt die Oktave in zwölf mathematisch gleiche Halbtöne. Damit war das Spielen in allen zwölf Durtonarten und allen zwölf Molltonarten möglich. 

1880 steuerte der englische Mathematiker Alexander John Ellis die theoretische Grundlage bei, die Oktave in 1200 Cent und jeden Halbton in 100 Cent zu unterteilen. Dieses System hat bis heute Gültigkeit und findet sich zum Beispiel als Einteilung auf manchen Stimmgeräten wieder.

Halbtonschritte in der Praxis

Auf dem Klavier - Halbtonschritte zählen

Auf einer Klaviertastatur kann man einen Halbtonschritt spielen, indem man zwei benachbarte Tasten anschlägt. Von einer weißen zu einer angrenzenden schwarzen Taste zählt man einen Halbtonschritt. Zwischen zwei benachbarten weißen Tasten zählt man nur einen Halbtonschritt, wenn dazwischen keine schwarze Taste liegt. Das trifft also nur zwischen E und F, sowie zwischen H und C zu.  Vom G bis zum A sind es auch zwei Halbtonschritte:

Auf der abgebildeten Klaviatur siehst du beispielhaft einen Halbtonschritt zwischen den benachbarten weißen Tasten e-f sowie einen weiteren Halbtonschritt zwischen den benachbarten schwarzen und weißen Tasten gis-a.

Halbtonschritte auf der Gitarre

Auf der Gitarre sind die Töne von zwei benachbarten Bünden immer im Abstand eines Halbtonschrittes:

In der Grafik siehst du einen Halbtonschritt auf der A-Saite zwischen dem 1. und 2. Bund (Töne b und h) sowie einen Halbtonschritt auf der hohen e-Saite zwischen dem 2. und 3. Bund (Töne fis und g).

Durtonleiter, Molltonleiter und chromatische Tonleiter

Melodik & Halbtonschritte in den Tonleitern

Eine rein diatonische Melodie klingt oft gut, ist eingängig und lässt sich relativ leicht nachsingen, so zum Beispiel in Kinderliedern oder im Refrain von Popsongs. Für Komponisten stellt die reine Diatonik aber wenige Mittel zur Steigerung der melodischen Spannung zur Verfügung. Zwar findest du in einer Durtonleiter die zwei Halbtonschritte zwischen dem 3. und 4. sowie zwischen dem 7. und 8. Ton. Diese sind aber durch die Tonalität vorgegeben und für unsere Ohren gewohnt im Vergleich zu ausgefalleneren Halbtonschritten.

In der Molltonleiter findest du die Halbtonschritte zwischen der 2. und 3. sowie zwischen der 5. und der 6. Stufe.

Chromatische Tonleiter

Eine Tonleiter, die sich nur in Halbtonschritten bewegt, nennen wir chromatische Tonleiter. Wenn du eine chromatische Tonleiter auf dem Klavier spielen willst, schlage jede weiße Taste und jede schwarze Taste auf- oder abwärts der Reihe nach an. Das ergibt alle zwölf Töne des europäischen Tonsystems. Wenn du die chromatische Tonleiter auf der Gitarre spielen willst, schlage auf einer beliebigen Saite jeden möglichen Ton auf- oder abwärts an.

Chromatische Tonleiter beginnend bei a:


Da ihr ein klangliches Zentrum fehlt, verwenden Komponisten selten reine chromatische Tonleitern. Eine Ausnahme bildet hierbei die Zwölftonmusik, die zwar konsequent alle Töne der chromatischen Tonleiter kompositorisch nutzt, jedoch nicht in linearer Reihenfolge. Kurze chromatische Passagen gehören allerdings seit Jahrhunderten in vielen Genres zum Standard. 

Beispiel Jazz:

Beispiel Klassik, Chopin op.64 No 2:

Besonderheit: In den Notenbeispielen oben sieht man, dass man Stammtöne mit einem Kreuz um einen Halbton erhöhen kann oder mit einem b um einen Halbton erniedrigen kann. Dadurch kann es auch passieren, dass man einen physikalisch gleichen Ton unterschiedlich notiert:

Dieses enharmonische Verwechslung genannte Phänomen hat meist nur in musiktheoretischer Betrachtung eine Bedeutung, im Alltag eines Musizierenden spielt es eine eher untergeordnete Rolle.

Intervalle & Halbtonschritte

Wenn du  grob Intervalle bestimmen möchtest, solltest du dies immer anhand der Stammtonreihe tun. Die genauere Einteilung erfolgt dann aber mit Hilfe der Halbtonschritte in:

  • große oder kleine 

  • reine oder übermäßige bzw. verminderte

Intervalle.

 

Äußerst hilfreich in der Praxis sind Halbtonschritte bei der Bestimmung einer Akkordqualität. Eine große Terz besteht aus vier, eine kleine Terz nur aus drei HTS. 

Durakkord: Grundton - große Terz (4 HTS) - kleine Terz (3 HTS):

Mollakkord: Grundton - kleine Terz (3 HTS) - große Terz (4 HTS):

Auf dem Klavier spielst du am besten mit der linken Hand den Grundton und „zählst” spielend mit der rechten Hand die Halbtonschritte.

Auf der Gitarre spielst du beispielsweise zuerst den Grundton auf der leeren D-Saite und dann mit dem 1. Finger den 1. Halbtonschritt, mit dem 2. Finger den 2. Halbtonschritt usw.

Viel Spaß beim Erkunden dieser spannenden Möglichkeiten auf deinem Instrument!

Yacine Khorchi
Yacine Khorchi

Yacine absolvierte nach dem Abitur ein Intensivstudium an einer privaten Musikschule und ein Klavierstudium an der Hochschule für Musik in Würzburg. Seit über 10 Jahren unterrichtet er Klavier und leitet seit 2013 den Musik Komponistenkurs an der Pop Akademie Frankfurt.

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